Politik, Politik

Afrika probt die Revolution digitaler Währungen

mundissima/shutterstock

Nigeria startete mit dem eNaira die erste landesweite digitale Währung der Welt. Mehr als jede andere Region des Globus, verspricht man sich in Afrika Fortschritt durch Kryptowährungen. 

Mit dem Auftreten des mysteriösen Satoshi Nakamoto und dessen Erfindung Bitcoin sind Kryptowährungen in aller Munde. Diese digitalen Währungen ermöglichen einen Geldtransfer von einem digitalen Endgerät auf ein anderes, ohne Zeitverzögerung – weltweit, ohne eine Bank oder sonstigen Mittelsmann und daher nur geringe Transaktionskosten. Viele Gerüchte und Legenden ranken sich um diese neue Technologie und während der COVID-19-Pandemie entwickelte sich ein richtiger Goldrausch um die Entwicklung neuer Kryptowährungen und Token.

Auch Zentralbanken weltweit beteiligen sich inzwischen an diesem Währungswettlauf. Laut einer Umfrage der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) beschäftigen sich inzwischen 90 Prozent der Zentralbanken weltweit mit Kryptowährungen. Ausnahmslos jede befragte afrikanische Zentralbank arbeitete an Projekten im Zusammenhang mit digitalen Währungen. Dies ist kein Zufall, da afrikanische Länder ganz besonders von diesen Technologien profitieren können.

Digitale Währungen erobern die weniger entwickelte Welt

Digitale Währungen können gerade für einen ärmeren Teil der Weltbevölkerung Lücken bei Dienstleistungen füllen, die den Bürgern in Industrieländern längst selbstverständlich geworden sind. Zusammen mit der immer größeren Verbreitung von digitalen Endgeräten wie Handys und Tablets, einem großflächigen Mobilfunknetz, erschließen sich Milliarden von Menschen scheinbar simple Dinge, wie Bankkonten, Geldüberweisungen oder Sparbücher.

Wenig überraschend sind bereits heute die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen nach wie vor hunderte Millionen Menschen an der unteren Einkommensgrenze oder in Armut leben, die begeistertsten Nutzer. 2019 als viele in westlichen Ländern, wie der Schweiz, den USA oder Australien, Kryptowährungen noch skeptisch als Schmiermittel für Schwarzmärkte und kriminelle Machenschaften betrachteten, benutzten bereits annähernd ein Drittel der Nigerianer und ein Fünftel der Türken Kryptowährungen. In den Folgejahren explodierten deren Nutzerzahlen bereits auf fast die Hälfte der Bevölkerung.

Internationale Verbreitung von digitalen Währungen, Anteil an der Bevölkerung. Anzahl der Personen, die im Laufe des Jahres Kryptowährungen entweder besaßen oder verwendeten. Quelle: (statista, 2023)

Internationale Verbreitung von digitalen Währungen, Anteil an der Bevölkerung. Anzahl der Personen, die im Laufe des Jahres Kryptowährungen entweder besaßen oder verwendeten. Quelle: (statista, 2023)


Mit dem eNaira erblickte in Nigeria auch die erste digitale Währung in einem bevölkerungsreichen Staat, dessen Wirtschaft nicht von internationalen Finanzdienstleistungen dominiert wird, das Licht der Welt. Der eNaira ermöglicht den nigerianischen Bürgern den Zugang zu digitalen Währungen auf unterschiedlichen Ebenen und in gewissen Mengen zur Verfügung. Dadurch erweitert sich das Potenzial für die Menschen mit Zugang zu Bankdienstleistungen massiv. Das Land profitiert zusätzlich davon, dass bald Überweisungen der zahlreichen Nigerianer im Ausland nun kostengünstiger über die ganze Welt nach Hause geschickt werden können. Diese betragen immerhin 5,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Afrikanische Länder haben einen besonderen Mehrwert von digitalen Währungen

In Afrika ist der Anteil der Bevölkerung ohne Zugang zu traditionellen Finanzdienstleistungen überproportional groß. Über zwanzig Prozent der Bevölkerung bleibt aufgrund hoher Gebühren sowie Mindest-Bankeinlagen der Zugang dazu verwehrt. Auch fehlende Identifikationsdokumente sind gerade für ärmere Menschen eine weitere Hürde für ein eigenes Bankkonto. Dazu sind informelle, nicht vertraglich festgelegte Geschäftsbeziehungen und Arbeitsverhältnisse weit verbreitet und werden traditionell in bar abgewickelt, da sich Bank Transfers oft nicht lohnen. Die meisten afrikanischen Zentralbanken geben darum auch eine größere finanzielle Inklusion als Motivation für die Entwicklung ihrer digitalen Währungen an.

Dazu haben viele afrikanische Länder eine sehr niedrige Bevölkerungsdichte. Wenig finanzstarke Dörfer sind oft viele Kilometer voneinander entfernt und Straßen und Transport zwischen ihnen selbst so schlecht, dass eine Reise selbst in die nächste größere Stadt schon an eine Weltreise heranreicht. Es lohnt sich kaum für Banken, hier ein engmaschiges Filialnetz aufzubauen, welches möglichst alle Menschen miteinschließt. Somit sind Afrikaner mehr als die Einwohner jeder anderen Weltregion von physischen Schnittstellen in die globale Finanzwelt abgeschnitten. Auch hier lösen Kryptowährungen einige Probleme: allen voran, dass Bargeld nicht mehr über weite Distanzen physisch transportiert werden muss – oft durch gefährliche, einsame Gegenden, die von Banditen beherrscht werden. Berichte über Banküberfälle sind in manchen Ländern gängige Schlagzeilen. Dazu benutzen sowohl afrikanische Regierungen als auch zahlreiche Hilfsorganisationen Cash Transfer-Programme, in deren Rahmen Ältere oder sozial Schwache regelmäßig mit Kleinstbeträgen unterstützt werden. Auch hier können Kryptowährungen hilfreich sein, um die administrativen Kosten zu senken, die die Verteilung von wenigen Dollar an zahlreiche verstreute Empfänger jeden Monat erleichtern.

Keine andere Region der Welt ist so durchzogen von Ethnien, die über Ländergrenzen hinweg zerrissen sind, wie Afrika. Afrikanische Zentralbanken legen daher besonderen Wert auf die Interoperabilität ihrer Währungen über diese Landesgrenzen hinweg. Bisher wurde der Handel über staatliche Grenzen Afrikas nämlich massiv unterschätzt. Dieser spielt sich vor allem innerhalb jener geteilten Ethnien ab, die vor allem informell handeln und sich daher in keiner Statistik widerspiegeln. Ebenso könnte auf diese Art die Kreditvergabe durch den Wegfall direkter Intermediäre, wie Banken und informellen Geldverleihern, sowie geringeren Transaktionskosten entbürokratisiert werden und den Bezieherkreis an Privaten sowie Geschäften erhöhen.

Zentralisierung ersetzt private Geldschöpfung

Schon heute etablierte sich auf dem afrikanischen Kontinent mit Mobile Money ein System, dass sich ähnlicher Prinzipien wie digitale Währungen bedient. Mit dem Aufkommen des Mobiltelefons ab der Jahrtausendwende konnte man Telefonguthaben über Systeme wie M-Pesa versenden, dass sich der Empfänger wiederum in bar auszahlen lassen konnte. Möglicherweise ist es also kein Zufall, dass die Pioniere digitaler dezentralisierter Bezahlmodelle in Afrika zu Hause sind.

Mit dem Hawala-System hatte man insbesondere im islamischen Teil Afrikas während des Mittelalters ein System hervorgebracht, das Handel und Austausch ermöglichte und vor Raub schützte. Dabei übergab eine Person, die Geld an eine andere Person an einem fernen Ort überweisen wollte, den Betrag einem Agenten zusammen mit einem Passwort. Der Agent sendete dieses Passwort an seinen Partner am Zielort. Die Empfangsperson des Geldes konnte den Betrag nun mittels Passwort bei dem Agenten abholen – ohne dass das Geld jemals physisch von einem Ort zum anderen wandern musste. Sowohl das kontinentaleuropäische Zivilrecht als auch das angelsächsische Common Law nahmen Anleihen an diesem System. Bis heute nutzen afrikanische Migranten Hawala für kostengünstige Überweisungen an ihre Familien in der Heimat.

M-Pesa-Agent in Tansania. Mit der Einführung von Mobile Money gibt es bereits eine breite Schicht potenzieller Nutzer von Afrikas digitalen Währungen. (Quelle: Sjöblom/wikicommons, 2009)

M-Pesa-Agent in Tansania. Mit der Einführung von Mobile Money gibt es bereits eine breite Schicht potenzieller Nutzer von Afrikas digitalen Währungen. (Quelle: Sjöblom/wikicommons, 2009)


Die Weiterentwicklung zu digitalen Währungen ist damit nur ein weiterer logischer Schritt in der technologischen Evolution und würde eine Bevölkerung erreichen, die für das bargeldlose Bezahlen bereits empfänglich ist. Indem Zentralbanken diese neuen digitalen Währungen ausgeben, geben sie auch mehr Sicherheit, da aktuelle Kryptowährungen, durch private undurchsichtige Entwickler herausgegeben, mit großen Risiken und auch Betrug verbunden sind. Als gesetzliches Zahlungsmittel erweitern sich die Möglichkeiten der Afrikaner zusätzlich.

Mehr als andere Entwicklungsländer versprechen sich afrikanische Zentralbanken sogar eine Stabilisierung ihrer Geldpolitik. Die digitalen Währungen erlauben eine Beobachtung der Geldmenge und der Umlaufgeschwindigkeit in Echtzeit. Die größere finanzielle Inklusion ermöglicht auch eine Wirkung geldpolitischer Maßnahmen, etwa um Inflationsraten zu stabilisieren, da Instrumente der Geldpolitik bis in weit abgelegene Regionen wirken können. Ebenso kann man mit größerer Flexibilität und schneller auf Schwankungen reagieren und die Geldmenge kontrollieren.

Schwierigkeiten auf dem Weg zur digitalen Nation

Der IWF würdigte den reibungslosen Prozess Nigerias bei der Einführung einer der ersten digitalen Währungen der Welt, sowie dessen bisherige technische Verfügbarkeit rund um die Uhr. Die internationale Institution leitet nach einem Jahr eNaira in der größten Volkswirtschaft Afrikas einige Lektionen und Hürden für die Rolle der digitalen Währungen ab:

Anfangs war die Ausgabe des eNaira zunächst auf Bürger mit Bankkonten beschränkt, wurde aber schrittweise ausgeweitet, um jene zu erreichen, die noch keinen Zugang zu formellen Bankdienstleistungen haben – immerhin 36 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Nigerias. Die Nutzung des Mobiltelefons ist in Nigeria weit verbreitet, wenngleich noch nicht so weit wie in anderen afrikanischen Schwellenländern.

Mobilfunk-Abos in Subsahara-Afrika übersteigen inzwischen sogar jene des computer affinen Indien. Zahlreiche afrikanische Tiger-Staaten haben dabei längst die USA überholt. (Quelle: world bank, 2023)

Mobilfunk-Abos in Subsahara-Afrika übersteigen inzwischen sogar jene des computer affinen Indien. Zahlreiche afrikanische Tiger-Staaten haben dabei längst die USA überholt. (Quelle: Weltbank, 2023)


Darüber hinaus besteht längst schon eine weite Verbreitung von Mobile Money, und der Währungsfonds befürchtet durch staatliche Systeme einen Verdrängungswettbewerb gegenüber dem privaten Sektor. Bedenkt man die immensen Kosten für den Betrieb eines solchen Systems, vor allem um die weit gestreuten Risiken durch Cyberkriminalität einzudämmen, könnte eine durchdachte Wettbewerbspolitik in diesem Bereich möglicherweise effektiver sein als eine eigene Währung. Andererseits hätte eine staatliche Währung den Vorteil, den informellen Sektor, der in Nigeria immerhin 50 Prozent des BIPs und 80 Prozent der Beschäftigung ausmacht, besser in die staatlichen Strukturen zu integrieren, da Transaktionen hier nicht anonym sind.

Eine der größten Herausforderungen besteht immer noch darin, internationale Transaktionen zu ermöglichen. Die derzeitigen Kosten für den Transfer von Devisen nach Afrika sind immer noch exorbitant hoch. Digitale Währungen könnten jedoch ein Game Changer für die afrikanische Diaspora sein, um Geld in ihre Heimatländer zu senden und Devisen ins Land zu bringen.

Insgesamt sieht man den Start einer der ersten weltweiten digitalen Währungen in der größten Volkswirtschaft Afrikas als Erfolg. Bei einer Umfrage der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nannten afrikanische Zentralbanken finanzielle Inklusion als wichtigstes Motiv für die Entwicklung digitaler Währungen, mehr als andere Schwellen- und Entwicklungsländer. Neben der noch ungelösten länderübergreifenden Nutzung sieht man vor allem beim noch fehlenden physischen Infrastruktur für mobiles Internet noch große Hürden, bevor das System allen Afrikanern zur Verfügung steht.

 

 

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert