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Afrikas Zerüttung – Und seine Demokratisierung

Der Kollaps des real existierenden Sozialismus in Form der Sowjetunion sandte seine Schockwellen auch auf den afrikanischen Kontinent. Viele afrikanische Staaten verloren so ihre externe Finanzierung. Dabei versiegten die Finanzströme nicht nur aus Moskau; ganz im Gegenteil, wurden zahlreiche ehemals kommunistische osteuropäische Länder nun selbst zu Empfängern, und Washington schichtete um. Afrika, vor den 1990er Jahren noch Schauplatz des Kalten Krieges, verlor in den Augen der Strategen seine Bedeutung, und spätestens mit den geopolitischen Niederlagen im somalischen Mogadischu und dem Genozid in Ruanda schien der schwarze Kontinent als hoffnungsloser Fall aufgegeben worden zu sein. Die Entwicklungshilfe versiegte. Tatsächlich war die erste Hälfte der 1990er Jahre geprägt von Staaten, in denen unterschiedlichste Parteien, Interessengruppen und Ethnien um den kleiner werdenden Kuchen stritten – was nicht zu selten in offene Gewalt umschlug. Die Zahl der zerfallenden Staaten, deren Regierungen die Ordnung nicht mehr aufrechterhalten konnten, schoss nach oben, ebenso innerstaatliche Konflikte und die Zahl der kriegführenden Staaten.

Afrikas Failed States und Konfliktstaaten. Herrschende Anzahl an Kriegen, ethnischen und anderen innerstaatlichen Konflikten.

Afrikas Failed States und Konfliktstaaten. Herrschende Anzahl an Kriegen, ethnischen und anderen innerstaatlichen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent. (Quelle: Marshall, 2005)


Afrikas Demokratisierung

So weit ist die Geschichte den meisten Europäern bekannt. Doch schwankte die westliche Aufmerksamkeit, als es den Afrikanern gelang, sich von diesem Schock in den 1990ern zu erholen. Zur Jahrtausendwende kamen die größten und blutigsten Konflikte zu einem Ende, fast so schnell, wie sie sich zu Beginn der 1990er Jahre aufgebaut hatten. Die Zahl der afrikanischen Staaten im Konflikt sank von über 15 auf weniger als zehn. Diese Entwicklung kam nicht von ungefähr. Denn die 2000er Jahre führten zu einer großen Liberalisierungswelle auf dem Kontinent. Die Zahl der reinen Autokratien sank rasant. An ihre Stelle traten zwar bei weitem keine vollwertigen Demokratien, jedoch immerhin Anokratien. Diese Anokratien integrieren demokratische Elemente in ihre Regierungsform und führen zu inklusiveren Institutionen, die die Bevölkerung einbeziehen. Diese demokratischen Institutionen ermöglichen bessere Kompromisse zwischen den Interessengruppen und gegenseitige Kontrollmöglichkeiten. Zudem werden in diesen Institutionen Verteilungsfragen und die Entscheidungsfindung für öffentliche Güter angegangen.

Regierungsformen in Afrika seit der Dekolonialisierung. Anokratien, Autokratien, zerfallende Staaten, Demokratien. Ende des Kalten Krieges. Unabhängigkeit.

Regierungsformen in Afrika seit der Dekolonialisierung. (Quelle: : Polityproject.org, 2023)


Instabilität – Ein lokales Phänomen

Wie auch im Westen blieb kein Land und kein demokratisches Gefüge von der COVID-19-Pandemie unberührt. Maßnahmen wie Lockdowns und Kontaktbeschränkungen und deren Durchsetzung forderten auch hier ihren Tribut. Insbesondere in Ländern mit schwachen oder fehlenden Sozialsystemen wurde die Bevölkerung an ihre Belastungsgrenze gebracht. Armut und Entbehrungen zwangen viele zu verzweifelten Maßnahmen, und die Sicherheitslage in vielen Regionen verschlechterte sich maßgeblich.

Die Coups und Gewaltausbrüche in vielen Städten und ländlichen Gegenden lassen Böses erahnen, was uns insbesondere der Putsch in Niger vor Augen geführt hat. Dabei muss man immer bedenken, dass es sich bei der Sahelzone um ein weitläufiges, (selbst mit westlicher Militärtechnik) kaum zu überwachendes Gebiet handelt. Die Region war schon immer anfällig für Aufständische, Banditentum und Instabilität. Um das staatliche Gewaltmonopol herauszufordern, braucht es oft kaum mehr als eine Handfeuerwaffe und ein gutes Versteck – an beidem mangelt es in den unzugänglichen Landschaften mit kaum befestigten Straßen und verstreuten Dörfern nicht. Dies wird verstärkt durch die steigenden Lebensmittelpreise infolge der Pandemie und des Krieges in der Ukraine.

Auch wenn der Niger (neben Mali, Burkina Faso und Sudan) scheinbar Afrika mit seinen immerhin 20 Millionen Einwohnern wieder von seinem Erfolgsweg abzubringen scheint, handelt es sich dabei um Länder in genau dieser Sahelzone und sie sind kaum beispielhaft für den Rest des Kontinentes. Ein Blick auf die verschiedenen Regionen des Kontinentes lohnt sich: Auch der Norden Nigerias liegt im Sahel und wird von der islamistischen Gruppe Boko Haram heimgesucht. Ähnliches gilt für den Norden Kenias, Marsabit, der durch eine neue Straße eigentlich vor COVID einen Aufschwung erlebte und nun wieder von Banditen heimgesucht wird. Doch andersherum gibt es in den großen Bevölkerungszentren an den Küsten und im Landesinneren keine Anzeichen von Krieg und Konflikt. Afrika bleibt vielfältig und ist auch innerhalb seiner Länder alles andere als homogen.

Dennoch könnten viele afrikanische Länder in ein anderes Muster zurückfallen: Während es heute Anokratien auf dem Weg zur Demokratie sind, die als Stabilitätsanker des Kontinentes dienen, übernahmen in Zeiten des Kalten Krieges Autokratien diese Rolle. Dies lag in einem perfiden Mechanismus begründet: Sobald ein Autokrat liberalisierte und Kompromisse mit der Opposition einging, wurde diese Schwäche sofort von einer externen Macht ausgenutzt, die die Situation eskalierte, um das Land als Ganzes in ihr Lager zu ziehen – sei es die USA, die UdSSR oder auch das autokratische Apartheidregime Südafrikas, Libyens Muammar al-Gaddafi oder Israel, das den expandierenden Islam am Äquator der Großen Seen eindämmen wollte. Alle unterstützten Oppositionskräfte und lieferten Finanzen und Feuerwaffen, um das Land vollständig auf ihre Seite zu ziehen. Heute tritt mit Russland eine Macht in Afrika auf den Plan, die ähnlich agiert. Afrikas Völker müssen wachsam sein.

Mehr dazu in Afrikas Jahrhundert – Gelingt der Griff nach Wohlstand?

 

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