Politik

Aufstieg Asiens

Bereits seit geraumer Zeit entwickelte sich Ostasien zum Motor der globalen Weltwirtschaft. Neben dem Giganten China, spielen vor allem Tigerstaaten wie Taiwan oder Südkorea mit in der obersten Liga der Industriestaaten. Umgekehrt setzt Russland die Ausrichtung seiner Energieexporte in die Region noch mehr als schon vor dem Ukrainekrieg fort, und auch die USA drängen in Richtung Asien, wo sie mit Peking um die Vorherrschaft streiten im Chinesischen Meer streite. Mit der kritischen Energieversorgung in Europa und dem Krieg in der Ukraine wird Asien, mehr denn je zum Motor der Weltwirtschaft, so die OECD. Als Wachstumskandidaten hatte man im November 2022 dabei vor allem Indien vor Augen – doch mit dem Ende seiner strikten Corona-Politik tritt auch China wieder an die Stelle der Wachstumsregionen – 5,2 Prozent prognostizierte der Internationale Währungsfonds der Volksrepublik dank eines ähnlichen Rebound-Effektes wie in Europa.

Längst zog in den Wirtschaftszentren des Westens die Angst ein, aufgrund ihrer rasanten Entwicklung, bald durch asiatische Länder vom Sockel gestoßen zu werden. Doch welchen Stand haben die Länder des sich entwickelnden Asiens tatsächlich erreicht, um mit den klassischen Industrieländern des Westens mitzuhalten.

Der Stand der asiatischen Tigerstaaten

In den 1970er Jahren begannen die Staaten Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong ihre rasante Entwicklung, mit der es ihnen gelang innerhalb weniger Jahrzehnte sogar zu fortschrittlichen Industriestaaten aufzuschließen. Indiens Bruttowertschöpfung begann ab der Jahrtausendwende stark zu steigen. Da bei der Bruttowertschöpfung die vorhergehenden importierten Inputs und Vorprodukte abgezogen werden, ist dieser Indikator am aussagekräftigsten für die gestiegene Produktivität einer Volkswirtschaft. In Indien begann man neben Kleidung und Schmuck, komplexere Medikamente und Autoteile für den US-Markt herzustellen – inzwischen bauen die indischen Produzenten Tata und Mahindra & Mahindra längst selbst E-Autos und die Millionenstädte Bangalore oder Chennai etablieren sich als große IT-Hubs.  Ab den 2010er-Jahren brachen auch Länder wie Indonesien und die Türkei in Richtung Industrialisierung auf. Andere Länder wie Pakistan, Malaysia, Vietnam oder Bangladesch wurden vor allem durch die Weltfinanzkrise 2008 zurückgehalten.

Bruttowertschöpfung der aufstrebenden Staaten Asiens in Milliarden KKP-US-Dollar. Einzigartige Produktion der Länder abzüglich Vorprodukte. Südkoreas Wachstum aus relativer Armut begann bereits in den 80er Jahren. Indiens Produktionswachstum ab der Jahrtausendwende. Die Startphase Indonesiens und der Türkei wurden durch die Finanzkrise 2010 durcheinandergebracht, doch konnten sie sich letztendlich etablieren. Nachzügler wie Pakistan, Vietnam, Bangladesch oder Malaysien können

Manche von ihnen könnten jetzt profitieren, da China sich selbst vom kostengünstigen Zulieferer zum Produzenten hochwertigerer und komplexerer Güter weiterentwickelt und nun seinerseits auf günstige Lieferanten angewiesen ist, um wiederum eigene Mittelklasseprodukte, wie Handys oder E-Autos wettbewerbsfähig exportieren zu können. Längst sind die Handelspartner in der Ostpazifik-Region so stark vernetzt, wie kaum in einer anderen Weltregion. Selbst die Rivalen Indien und China sind die größten Handelspartner zueinander. Die größten Importe bezieht China aus Südkorea, Japan und der Insel Taiwan, die es ohnehin als eigenes Hoheitsgebiet betrachtet.

Die Handelsströme in Ostasien sind längst vernetzter, als in den meisten anderen Weltregionen. Längst werden entlang dieser Wertschöpfungsketten
Quelle: UNCTAD


Viel zu Lernen für die Neuen auf der Weltbühne

Auch was die Lernfortschritte anbelangt, ist China nicht mehr allein auf weiter Flur. Indiens und türkische Wachstumsraten schließen ebenso auf. Südkoreas Wertschöpfung wächst ebenso von hohem Niveau aus.

Jährliche Wachstumsraten der Wertschöpfung an Produkten und Dienstleistungen in ausgewählten asiatischen Ländern. (2004=100, 2011=100).

Doch haben die Neuen noch viel zu lernen, wenn es darum geht komplexere Produkte herzustellen, insbesondere Apparate für photographische Laboratorien, die der Atlas ökonomischer Komplexität der Harvard University als die am komplexesten herzustellende Produktkategorie ausgibt. Auf Länderebene sagt der Index aus, wie komplex ihre Exportprodukte sind und in welchen Mengen sie sie exportieren. Südkorea ist dabei längst auf dem Stand westlicher Industrienationen, nur Deutschland, die Schweiz und Japan liegen vor ihm. Südkoreanische Smartphones beherrschen längst Europas Märkte. Doch zeigt auch der Index für die meisten anderen nach oben, wenn auch nicht eine so hohe Lernkurve wie China.

Der Index ökonomischer Komplexität veranschaulicht die Möglichkeiten eines Landes komplexe Güter herzustellen. China steigerte sich dabei Schritt für Schritt von Platz 39 auf den 17. Platz 2020, nur fünf Plätze hinter den USA mit Platz 12. Südkorea ist mit dem 4. Platz Weltspitze, hinter Japan, Schweiz und Deutschland. Auch die Türkei kämpfte sich nach vorne von Platz 56 auf 41, innerhalb zweier Jahrzehnte arbeiteten sich die Türken vom Score 0,13 auf 0,63 hoch, Südkorea hat einen derzeit 1,95 Indexpunkte. Indien verblieb, doch konnte man immerhin 10 Indexpunkte auf 0,42 gutmachen.

Chinas Produktivitätsentwicklung

Doch trotz aller Fortschritte, ist selbst China als Musterschüler noch weit entfernt von westlicher oder koreanischer Produktivität. Die Arbeiter des Reichs der Mitte erreichten zwar durchschnittlich 6,8 Prozent mehr Output pro Stunde jedes Jahr seit der Jahrtausendwende, mit durchschnittlich 12 US-Dollar in der Stunde ist man jedoch noch weit hinter den 74 US-Dollar, die ein US-Amerikaner pro Stunde produziert. Und bereits in den letzten Jahren vor der COVID-19-Pandemie konnte man in China eine abnehmende Kurve wahrnehmen. Dieser Trend könnte sich mit dem zunehmenden Handelskrieg mit den USA noch verstärken, wenn China von ausländischen Technologien abgeschnitten wird und westliche Produktionsunternehmen das Land verlassen. Doch könnten davon die zahlreichen anderen Staaten rund um China herum profitieren, wie Vietnam, Indien, Bangladesch oder Indonesien.

Arbeitsproduktivität pro Stunde in China immer noch weit unterhalb der in Amerika. Im Jahr 2018 produzierte ein Chinese im Schnitt 12 US-Dollar pro Stunde gegenüber 74 Dollar, die ein Amerikaner pro Stunde erarbeitete. (Kaufkraftparitätenbereinigt, in konstanten 2017-US-Dollar).

Welche Entwicklungen Asien erwarten

Trotz bisher beeindruckender Entwicklungen gibt es für die Volkswirtschaften Asiens noch viel aufzuholen. Auch wenn die wachsende Mittelschicht in den urbanen Zentren der Region eine entscheidende Rolle spielt, verdanken viele Länder des Fernen Ostens ihre Erfolgsgeschichte vor allem ihrer schieren Zahl an Einwohnern, an die viele Tätigkeiten ausgelagert wurden. Nun besteht die Herausforderung darin, deren Wissen und Knowhow einer gut gebildeten und leistungsbereiten Mittelschicht in breites und langfristig nachhaltiges Wachstum zu gießen. Wie China zeigt, gibt es in der gesamten Region massive Potenziale an Produktivität zu heben. Die Notwendigkeit dafür ist bereits am Horizont abzusehen: China sieht einem massiven demographischen Wandel, ähnlich wie Japan und die europäischen Wirtschaften entgegen, mit vielen Rentnern du wenigen Jungen, die diese versorgen müssen. Doch könnte dies auch die Produktivität anheizen: Firmen, die es gewohnt waren, zwei Arbeitnehmer zu beschäftigen und nun plötzlich nur mit einem auskommen müssen, haben Druck zu automatisieren und sich weiterzuentwickeln – und hier haben alle Länder noch gewaltiges Potenzial.

 

 

 

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