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Indiens Kampf für seine Bauern

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In den 1980er Jahren ersetzte Indien seine traditionelle kleinteilige Subsistenzlandwirtschaft fast vollständig durch eine industrielle Agrarproduktion. Der Prozess war so umwälzend, dass er als Grüne Revolution in die Geschichtsbücher einging. Diese Revolution brachte entscheidende Fortschritte bei der Bekämpfung von Hunger und Unterernährung auf dem Subkontinent. Angespornt von diesen Erfolgen setzte man die Liberalisierungen fort und machte Privatisierung, freien Handel und entfesselte Märkte zum eigenen Paradigma. Bis schließlich in den 1990er Jahren eine großflächige Serie von Selbstmorden überschuldeter Bauern in den ländlichen Regionen Indiens das Land erschütterten. Die neuen Hochertragssorten von Reis und Weizen erforderten nämlich hohe Investitionskosten in Form von Maschinen, Traktoren, Bewässerungsanlagen, chemischen Düngern und Pestiziden. Unterließ man diese, fielen die Erträge aus diesen neuen Sorten sogar noch geringer aus wie jene aus traditionellen Sorten. Mehr noch, die daraus entstehenden Monokulturen führten nur wenige Jahre nach dem großen Boom bereits wieder zur Stagnation der Produktivität. Mit geringeren Ertragssteigerungen auf den Feldern brachen auch die Erlöse ein. Das Pendel schlug zurück.

Die Bauern im Punjab, dem Epizentrum der grünen Revolution wurden besonders hart getroffen. Sie fanden sich wieder einem Teufelskreis aus ständiger Neuverschuldung bei Banken und informellen Geldverleihern mit horrenden Zinssätzen, um Saatgut, Dünger und Pestizide zu kaufen, während die Erträge immer geringer wurden. Von 1992 auf 1993 stieg die Zahl der Selbstmorde um 52 Prozent, im darauffolgenden Jahr noch einmal um 14 Prozent. Auch im restlichen Indien verzeichnete man Steigerungen, jedoch mit jährlich fünf Prozent deutlich weniger als in Punjab.

Ähnliche Muster fanden sich auch in sechs anderen landwirtschaftlich geprägten Provinzen Indiens.

Studien, die unabhängig zueinander durchgeführt wurden, stellten fest, dass immer mehr Kleinbauern zum Suizid griffen. Da die Polizei viele Todesfälle eher als Krankheiten denn tatsächlich als Suizide erfasste sind die Chancen gut, dass diese Zahlen nur das untere Minimum fanden. Doch allen Studien war gemein, dass provinzübergreifend Überschuldung der betroffenen Landwirte das Hauptmotiv für die Selbstmorde war. Bei weiteren Nachforschungen stellte sich heraus, dass 89 Prozent der Landwirte im Punjab verschuldet waren, noch höher lag die Überschuldungsquote bei den Baumwollfarmern. Die Selbstmorde stellten also nur die Spitze des Eisberges eines viel tiefgreifenderen Problems dar: Überschuldung. Im südlichen Punjab musste gar ein ganzes Dorf aufgrund ausstehender Schulden verkauft werden. Die Liberalisierung der Agrarmärkte hatte vor allem die Kleinbauern getroffen, die den hohen Kapitalbedarf der neuen Produktionsmethoden nicht mehr stemmen konnten und aus dem Markt gedrängt wurden. Aus diesem Grund wuchs die Ungleichheit zwischen Klein- und Großbauern, die ihrerseits dank ihrer höheren Kreditwürdigkeit mehr und mehr Land aufkaufen konnten.

Aus diesen Erfahrungen heraus blieben die Inder lange Zeit skeptische gegenüber westlichen Freihandelsversprechen, die gerne viel Wohlstand versprachen, aber auf die Kosten der Anpassung vergaßen, die ein Großteil der indischen Bevölkerung zu tragen hatte. Man kannte dies bereits aus der Kolonialära, als der Westen mehr interessiert war, billige landwirtschaftliche Rohstoffe aus dem Land herauszupressen anstatt in die Entwicklung und Produktion vor Ort zu investieren. Dort wo man im Westen keine Vorteile für sich sah, schottete man sich ab, um die eigenen Arbeiter zu schützen und die lukrativen Teile der Wertschöpfung im Land zu belassen. Dies trifft bis heute zu. Nordamerika und Europa halten bis heute an strickten Handelsbarrieren fest, die sich einerseits billige landwirtschaftliche Rohstoffe sichert zugleich aber die eigene Wertschöpfung und die eigenen Bauern innerhalb der eigenen Grenzen schützt.  Dies ging auch bis zur Jahrtausendwende gut als man lediglich einen zersplitterten globalen Süden gegenüber hatte, dem man die eigenen Regeln diktieren konnte. Doch bald vereinten sich China und Indien zu diesem Thema, in vielen anderen Fragen geopolitische Rivalen. Die beiden Milliardenvölker, die erst am Beginn ihrer Industrialisierung und des wirtschaftlichen Aufholprozesses standen, beheimateten sie eine gewaltige Anzahl an Menschen, die von der Landwirtschaft lebten, sich in kleineren Ländern nur allzu oft gegeneinander ausspielen ließen, indem man Subventionen, Bestechungen und andere Vergünstigungen für eine kleinere städtische Elite bot. Delhi und Peking fanden sich nun regelmäßig zusammen um sich gegen die Landwirtschaftspolitik und die massiven Subventionen westlicher Länder zu wehren, die es deren Agrarindustrie erlaubten, Entwicklungsländer mit Lebensmitteln zu künstlich niedrigen Preisen zu überschwemmen. Die Europäer unterminierten die landwirtschaftlichen Agrarmärkte vor allem, indem sie ihre Milch- und Zuckerindustrie schützten, während die USA ihre Baumwolle vor ausländischer Konkurrenz abschirmten. Dies schreibt auch die WTO in ihrem jährlichen Bericht. Die Industrienationen Kanada, EU, Japan und USA sind die größten Täter, wenn es um Subventionen geht, die die globalen Agrarmärkte verzerren. Sie errichteten signifikant höhere Zölle gegenüber Entwicklungsländern bei Ölsaaten, Getreide und Milchprodukten als sie dies bei vergleichbaren Industrienationen taten. Ebenso machten sie missbräuchliche Verwendung von gesundheitspolizeilichen und pflanzenschutzrechtlichen Maßnahmen, um es Entwicklungsländern zu erschweren, eigene Agrarprodukte auf westliche Märkte zu exportieren, weil sie nicht die Mittel hatten in entsprechender Qualität zu produzieren.

Indien und China fanden sich schließlich beim G20-Gipfel 2005 in Peking zu einer gemeinsamen Presseerklärung zusammen, in der sie betonten, dass Freihandel auf Ernährungssicherheit, ländliche Entwicklung und andere Fragen der Existenzsicherung Rücksicht nehmen müssten.[19] Auf dieser Grundlage ließen Indien und China 2008 bei den WTO-Gesprächen zur Doha-Runde in Genf zum vierten Mal in fünf Jahren einen Deal platzen. Die beiden Länder weigerten sich schlicht, ihr Recht auf besondere Schutzmaßnahmen bei Lebensmitteleinfuhren, insbesondere Reis, Zucker und Baumwolle betreffend, aufzugeben.

„Ich setze nicht die Lebensgrundlage von Millionen [indischen] Landwirten aufs Spiel,“


Rechtfertigte sich der als „Mr. No“ bekannte Handelsminister Indiens Kamal Nath. Die Erfahrungen aus dem Punjab belegen, dass er wusste, wovon er redete. Indiens Regierung ist bis heute darauf bedacht, seine Bevölkerung, von der immerhin 150 Millionen ihr Einkommen in der Landwirtschaft erwirtschafteten, vor dem Druck westlicher Begehrlichkeiten zu schützen. Indien hält seine Grenzen für Importe geschlossen und kauft Bauern Lebensmittel zu einem garantierten Preis ab. Diesen Weizen legt die Regierung schließlich als Vorrat an, um die Ernährungssicherheit in dem von Hungersnöten geplagten Land zu gewährleisten. Völlig frei von Hintergedanken um die eigene Agrarindustrie (/s), argumentierten die USA, die indischen und chinesischen Delegationen wären im Gegensatz zu den Amerikanern gar nicht am Wohl der Ärmsten in ihren Ländern interessiert und die Amerikaner wüssten besser als ihre nur leidlich demokratisch legitimierten Regierungen, was gut für ihre Länder wäre: nämlich billige Agrarimporte aus den USA. Delhi und Peking handelten wider besseren Wissens, so die USA.[1] Dabei unterschieden sich die Methoden Indiens nicht wesentlich von jenen, die die USA oder die Europäische Union im Rahmen ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik zur eigenen Ernährungssicherheit anwenden. Aus irgendeinem Grund überzeugte Amerikas Argumentation nicht und man stellte ein generöses Gegenangebot als Kompromiss: man versprach strittige handelsverzerrende Subventionen für die US-Landwirtschaft von 15 auf 14,5 Milliarden US-Dollar zu senken.

Tatsächlich kommen westliche Subventionen für ihre Bauern heutzutage in einer anderen Verpackung daher. Dies mag Juristen eine angenehme Argumentation ermöglichen, wenn sie Handelsverträge aushandeln. Ihre ökonomischen Effekte bleiben jedoch in aller Regel die Gleichen. Die OECD schätzt, dass die beiden Handelsblöcke EU und USA alleine 2016 89,9 bzw. 38,7 Milliarden US-Dollar an Subventionen ausbezahlt haben – Tendenz steigend! In manchen Jahren überstiegen die Förderungen gar den Wert der Produkte, die die Bauern produzierten. Der globale Streit um Agrarsubventionen hält also bis heute an. In Indien ist man überzeugt, westliche Diplomaten bei der WTO versuchten nach wie vor konstant, Indiens Subventionen und Regierungskäufe vor Vorratshaltung von Getreide abzustellen.

„Im Wesentlichen subventionieren die USA und Europa ihre Landwirtschaft, um Anteile auf den Weltmärkten zu erobern. Dagegen setzen Indien und andere Entwicklungsländer Subventionen und öffentliche Vorratshaltung ein, um die heimische Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt der Menschen zu sichern,“


erklärt der Wirtschaftsprofessor Biswaji Dhar vom Centre for Economic Studies and Planning in Neu-Delhi. Während die Europäer zumindest einen Lernprozess gestartet haben, bleiben ausgerechnet die USA in ihrer protektionistischen Politik hart. Indien müsse daher weiterhin defensiv eingestellt bleiben und versuchen sich weiterhin Wege einer protektionistischen Handelspolitik offenzulassen.

Wie die Geschichte weitergeht, steht in Cycling Economics:

Dutta, „Green Revolution revisited: The contemporary agrarian Situation in Punjab, India,“ Social Change, Vol. 42, No. 2, pp. 229-247, 2012.

Chaisse und D. Chakraborty, „Identifying mutual Interest Areas at WTO: A Sino-Indian Joint Perspective,“ China Report, Vol. 41, No. 3, pp. 267-288, 2005.

 

[1] Tatsächlich bekamen sie durchaus auch Rückendeckung aus China selbst. So kritisierte ein chinesischer Soziologe Pekings Politik als höchst diskriminierend gegenüber der ländlichen Bevölkerung, während die städtischen Bewohner massiv bevorzugt wurden („Ein Land, zwei Policies“)  [17] Doch betraf dies vor allem die Öffnung Pekings gegenüber westlichen Importen, die vor allem zulasten von 200 Millionen chinesischen Bauern ging.

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