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Künstliche Intelligenz transformiert die Arbeitsmärkte

Indiens Präsident Narendra Modi und Joe Biden, Präsident der USA halten ein T-Shirt hoch mit der Aufschrift: "Die Zukunft is AI. Amerika und Indien" "The Future is AI. America and India"

Künstliche Intelligenz bringt Berufe, Branchen und ganze Länder durcheinander. Welche Maßnahmen braucht es, um vorbereitet zu sein


Bereits jetzt entwickelt sich das digitale Zeitalter rasant, doch mit dem Auftreten Künstlicher Intelligenz (KI) kristallisiert sich noch einmal eine grundlegende Kraft heraus, die imstande ist, das Gefüge von Arbeitsmärkten und ganzen Volkswirtschaften weltweit neu zu formen. Rund um die aktuellen Trends sprießen sowohl Dystopien und Utopien. Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlichte kürzlich einen Bericht unter dem Titel „Gen-KI: Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit„, der einem fundierteren Ansatz folgt. Er geht auf die tiefgreifenden Auswirkungen dieser technologischen Revolution ein und unterstreicht die Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften einerseits und deren Vorbereitung auf die Zukunft andererseits.

Dabei wenden die Forscher des IWF eine Methodik an, in der zwischen drei Szenarien für verschiedene Jobs unterschieden wird. Im ersten sind die Jobs bestimmter Berufe und Branchen KI in sehr geringem Maße ausgesetzt, was bedeutet, dass die darin ausgeübten Jobs eher nicht den damit einhergehenden Umwälzungen ausgesetzt sind. Vor allem betrifft dies physische Handarbeiten, wie Maurerarbeiten oder Tischler. Für andere Jobs und Branchen sieht der IWF jedoch eine sehr hohe Exposition gegenüber KI. Doch sollten viele von ihnen in der Lage sein, sie in ihre täglichen Aufgaben zu integrieren und möglicherweise dabei sogar ihre Produktivität zu steigen – sie weisen eine hohe Komplementarität auf, ergänzen sich also gegenseitig. Doch eine dritte Gruppe wird der KI ebenso stark ausgesetzt sein, kann diese jedoch nicht in ihre täglichen Routinen integrieren. KI wird ihre Aufgaben nach und nach unternehmen bis dahin, sie komplett zu ersetzen.

Wie es den einzelnen Menschen gelingen wird und wie die Gesellschaft als Ganzes auf die rasche Einführung von KI reagieren wird, hängt ganz von der Vorbereitung der einzelnen Länder ab.

Eine Landkarte der KI-Transformation

Der IWF schätzt, dass weltweit etwa 40 Prozent der Arbeitskräfte den Auswirkungen der KI-Entwicklung ausgesetzt sein werden, die routinemäßig Aufgaben automatisieren kann und somit menschliche Arbeit ersetzt oder Mitarbeiter in ihren kognitiven Rollen ergänzt. Diese Exposition variiert jedoch dramatisch zwischen Wirtschaftssektoren, Berufen und Nationen – und sogar Regionen. Diese Variationen spiegeln deren Unterschiede in Wirtschaftsstrukturen und Arbeitsmarktdynamiken wider. Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz betreffen jedoch vor allem jene, die anspruchsvollere kognitive Aufgaben erfüllen.

Beispielsweise würde man meinen, dass sich die Tätigkeiten von Schlachtern und Chirurgen in vielerlei Hinsicht überschneiden: Beide arbeiten mit der physischen Manipulation von menschlichem oder tierischem Gewebe, beide Berufe erfordern manuelle Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit sowie Arm-Hand-Stabilität. Die meisten Belege deuten jedoch darauf hin, dass Chirurgen aufgrund der Anzahl kognitiver Fähigkeiten, die ihre Arbeit umfasst, wie Problemlösung, Problembewusstsein, deduktives und induktives Denken sowie Informationsordnung, weit mehr Künstlicher Intelligenz ausgesetzt sein werden.

Es kommt daher nicht überraschend, dass fortgeschrittene Volkswirtschaften wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien mit 60 Prozent Betroffenen an der Spitze der Betroffenheit stehen. Mit ihren qualifizierten Arbeitskräften in zahlreichen denklastigen und technischen Berufen, stehen diese Nationen vor einem erheblichen Bruch mit ihrer bisherigen Arbeitswelt, wo KI deren Rollen entweder automatisiert oder ergänzt. Etwa die Hälfte derjenigen, die dieser Technologie ausgesetzt sind, werden in der Lage sein, diese in ihre tägliche Arbeit zu integrieren. Doch die andere Hälfte ist in ihrer beruflichen Existenz durchaus bedroht.

Unterschiedliche Betroffenheit unterschiedlicher Länder von Künstlicher Intelligenz. Weltweit sind etwa 30% der Berufe betroffen. In entwickelten Ländern etwa 60%, jedoch der Großteil davon kann KI in seine täglichen Routinen aufnehmen. Schwellenländer mit bis zu 40%, jedoch große Varianz zwischen den einzelnen Ländern. In Entwicklungsländer sind etwa 26% betroffen.

Unterschiedliche Betroffenheit unterschiedlicher Länder von Künstlicher Intelligenz. Weltweit sind etwa 30% der Berufe betroffen. In entwickelten Ländern etwa 60%, jedoch der Großteil davon kann KI in seine täglichen Routinen aufnehmen. Schwellenländer mit bis zu 40%, jedoch große Varianz zwischen den einzelnen Ländern. In Entwicklungsländer sind etwa 26% betroffen.


Aufgrund ihrer anderen Struktur weisen Schwellenländer wie Indien, Brasilien oder Südafrika demgegenüber eine vergleichsweise geringere, aber dennoch erhebliche Exposition auf. Mit bis zu 40 Prozent ihrer Beschäftigten, sind auch sie anfällig für die Disruption durch KI. Dabei fällt deren Exposition aufgrund erheblicher Unterschiede ihrer Wirtschaftssektoren mit denen sie ihr Geld verdienen, sehr unterschiedlich aus. Brasiliens Belegschaft ist mit über 40 Prozent der Belegschaft sehr exponiert. Dagegen sind es in Indien lediglich 26 Prozent, da die Belegschaft des Subkontinentes hauptsächlich aus kleingewerblichen Handwerkern, qualifizierten landwirtschaftlichen und gering qualifizierten, aber grundlegenden Arbeitern besteht. Letztendlich spiegelt die Exposition von Arbeitsplätzen gegenüber der KI die Zusammensetzung der Belegschaft und die Wirtschaftsstruktur ihrer jeweiligen Länder wider.

Dagegen finden sie Niedriglohn-Länder am unteren Ende des Spektrums der von KI betroffenen Regionen wieder. Mit 8 Prozent stark exponierten und hoch komplementären Arbeitsplätzen und 18 Prozent stark exponierten, jedoch gering komplementären Arbeitsplätzen ist noch nicht klar, welche Auswirkungen diese transformative Technologie auf sie haben wird und ob sie in der Lage sind, deren Früchte zu ernten.

KI droht bestehende Ungleichheiten zu vertiefen

Daher könnte es auch darauf hinauslaufen, dass KI potenziell auch die Ungleichheiten innerhalb von Ländern sowie zwischen Ländern und Regionen verschärft. Es scheint auch, dass quer durch alle Einkommensgruppen Frauen mehr als Männer davon betroffen sein werden. Allerdings zeichnen sich ihre Jobs auch durch eine hohe Komplementarität mit KI-Technologien aus. Höher bezahlte, besser ausgebildete Arbeitnehmer sind auch besser darauf vorbereitet, diese in ihren Arbeitsalltag zu integrieren, da ihre Fähigkeiten und Rollen durch KI eher ergänzt werden anstatt sie zu ersetzen. Umgekehrt stehen Berufe der Arbeiterklasse nur geringfügigen Veränderungen gegenüber.

Umgekehrt legen historische Daten nahe, dass bestimmte demographische Gruppen, darunter weniger gut ausgebildete oder ältere Arbeitnehmer, Schwierigkeiten haben könnten, sich an die durch KI vorangetriebenen Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Jüngere mit Universitätsabschluss stehen den Änderungen auch positiver gegenüber und sind eher bereit, sich kontinuierlich Kompetenzen anzueignen.

Auch wenn Umwälzungen durch KI in manchen Fällen noch in weiterer Ferne liegen, ist die Vorbereitung digitaler Kom-petenzen bereits heute die grundlegende Aufgabe, auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. So wie hier in einer Schulklasse in Indien, 2020. (Quelle: Manoej Paateel/Shutterstock, 2020)

Auch wenn Umwälzungen durch KI in manchen Fällen noch in weiterer Ferne liegen, ist die Vorbereitung digitaler Kompetenzen bereits heute die grundlegende Aufgabe, auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. So wie hier in einer Schulklasse in Indien, 2020. (Quelle: Manoej Paateel/Shutterstock, 2020)


Doch während die theoretischen Möglichkeiten von KI durchwegs überzeugen, liegt der wahre Katalysator für die schnelle Verbreitung von KI-Technologien in der Vorbereitung eines Landes selbst. Trotz ihrer größeren Exposition sind fortgeschrittenere Volkswirtschaften im Allgemeinen gut gerüstet, das Potenzial der KI für Steigerungen ihrer Produktivität zu nutzen. Diese Nationen verfügen über eine starke digital Infrastruktur, anpassungsfähige regulatorische Rahmenbedingungen und einen qualifizierten Humankapitalpool, der bereit ist, KI-kompatible Rollen einzunehmen.

Dagegen viele Schwellenländer und Niedriglohnländer in der Realität oft noch sehr schlecht vorbereitet. Diese müssen in entscheidenden Dimensionen investieren, um KI ohne größere Reibungsverluste in ihre Wirtschaft zu integrieren: dazu zählen digitale Infrastruktur und breite Verfügbarkeit von Breitbandinternet, Maßnahmen zur Entwicklung des Ausbildungsstandes der eigenen Bevölkerung und Innovationssysteme, die Anreize bieten, neue Technologien rasch zu übernehmen und selbst weiterzuentwickeln. All das sind wesentliche Komponenten für eine effektive Nutzung des Potenzials von KI und zur Steigerung der Produktivität der eigenen Gesellschaft.

Dazu hebt der IWF die transformative Rolle der Digitalisierung für den öffentlichen Sektor (sogenannte GOVTech) selbst hervor. KI kann helfen, die öffentlichen Finanzen zu modernisieren, indem die Einnahmenerhebung und die Ausgabeneffizienz verbessert werden – Regierungen in Namibia, Peru, Sambia und Uganda haben bereits erfolgreich ihre digitale Infrastruktur genutzt, um die Auszahlung finanzieller Hilfen während Corona zu beschleunigen – KI könnte diese Prozesse verstärken, indem sie Dienstleistungslücken in diesen Bereichen identifiziert, bei Entscheidungen unterstützt, Betrug und Korruption erkennt und Interventionen auf lokale Gegebenheiten anpasst. Parallel dazu könnte KI die Erträge in der Landwirtschaft steigern, Bewässerung optimieren und potenzielle Schädlinge identifizieren. Ähnliche Effekte ließen sich durch Optimierungen der Ressourcenzuweisung in Krankenhäusern oder vorbeugender Analytik erzielen.

Die nächsten Herausforderungen für die Welt

Um eine weiter auseinanderdriftende KI-Kluft zu vermeiden, empfiehlt der IWF Entwicklungsländern, sich grundlegend auf die ultimative Disruption ihrer Volkswirtschaften vorzubereiten und dabei zu priorisieren. Einkommensschwache Länder sollten ihre Investitionen auf den Aufbau einer robusten digitalen Infrastruktur fokussieren, wie großflächigen Internetanschluss, Zugang zu Cloud Computing, die allesamt als Grundlage für die Einführung der neuen Technologie dienen. Auch müssen Fort- und Weiterbildung von Arbeitskräften mit KI-komplementären Kompetenzen vorne angestellt werden und sichergestellt werden, dass die Arbeitskräfte gerüstet sind, sich in einer rasant wandelnden Arbeitswelt zurechtzufinden.

Eine immer vernetztere Welt ermöglicht erst die volle Hebung des Potenzials durch KI. Jedes Land muss jedoch Vorbe-reitungen treffen, um dabei schließlich in den Produktionsketten nicht zurückzubleiben. (Quelle: Travel Ma-nia/shutterstock, 2024)

Eine immer vernetztere Welt ermöglicht erst die volle Hebung des Potenzials durch KI. Jedes Land muss jedoch Vorbereitungen treffen, um dabei schließlich in den Produktionsketten nicht zurückzubleiben. (Quelle: Travel Ma-nia/shutterstock, 2024)


Für Schwellenländer, die bereits Fortschritte beim Aufbau dieser grundlegenden Elemente gemacht haben, sollte der Schwerpunkt auf die Pflege vitaler digitaler Innovationssysteme gelegt werden sowie robuste regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Diese Rahmenwerke sollen die Implementierung auf ethische Weise und unterschiedliche Anwendungsfälle von KI regeln, Vertrauen fördern und eine verantwortungsbewusste Einführung dieser transformativen Technologie sicherstellen.

Die indische Regierung hat den Ball aufgenommen und integriert KI ambitioniert in ihre Entwicklungspläne von „Making AI work for India“. Während das Land, einst als Backoffice der Welt bezeichnet, bereits mit dem Vorteil gewaltiger Datenmengen durch seine schiere Bevölkerungsgröße in die KI-Ära startet, ist seine IT-Infrastruktur noch lückenhaft. Es fehlt dem Land insbesondere an GPU (Graphics Processing Unit)-Farmen für das Training und den Betrieb von KI-Systemen wie Chat GTP. Ein Modell öffentlich-privater Partnerschaft soll diese Lücken schließen und Indien zu einem Zentrum für KI-Forschung und Innovation machen.

Risiken heute mindern, um der Zukunft positiv entgegenzusehen

Die KI-Revolution ist nicht mehr nur am Horizont, sie ist bereits in vollem Gange und leitet eine Welle der Veränderungen und der kreativen Zerstörung ein, die sich über Branchen, Gesellschaften und ganze Wirtschaftsräume unterschiedlichster Entwicklungsstadien ausbreiten wird. Der IWF warnt deutlich vor den ernsten Risiken, die sich daraus ergeben, wenn Länder nicht darauf vorbereitet sind. Ungleichheiten innerhalb von Nationen und auf globaler Ebene könnten sich verschärfen, wenn keine konzertierten Vorbereitungen getroffen werden.

Die tatsächlichen Auswirkungen auf die Einkommensungleichheit hängen schließlich davon ab, wieweit Produktivitätsgewinne durch KI eventuelle Einkommensverluste durch verdrängte Arbeitsplätze und die Erhöhung von Kapitaleinkommen ausgleichen, von denen der Großteil letztendlich zu reicheren Individuen und in wohlhabendere Länder fließen wird.

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