Lebensstil, Politik

Rumänien – Boom am Schwarzen Meer

Sighisoara, Rumänien. Steine gepflasterte alte Straßen mit bunten Häusern in der Festung Sighisoara, Siebenbürgen Region Europa

Das größte Land des Balkans entwickelt sich von den Herausforderungen nach dem EU-Beitritt zu einem Schlüsselspieler am Schwarzen Meer.


Seit seinem EU-Beitritt 2007 blieb das größte Land am Balkan oftmals hinter seinen Erwartungen zurück. Zwar gelang es Rumänien, die Einkommenslücke von ursprünglich 26,4 Prozent des EU-Durchschnittes zur Jahrtausendwende auf 76,7 Prozent im Jahr zu schließen. Doch der Preis dafür war hoch. Mehr als aus jedem anderen OECD-Land verließen die Rumänen mit dem EU-Beitritt ihre Heimat – insbesondere nach Deutschland, Österreich und Italien. Statt eines wirtschaftlichen Booms im eigenen Land, wuchs die Bevölkerung außerhalb Rumäniens zur fünfgrößten Diaspora der Welt an – in absoluten Zahlen nur von vielfach größeren Ländern wie Mexiko, Indien, China oder dem immer noch doppelt so großen Polen übertrumpft. Darunter litten alle osteuropäischen Länder und das Wachstum des Outputs blieb einer IMF-Schätzung zufolge, aufgrund des Exodus hinter den Erwartungen zurück. Rumänien blieb als östlichstes Land an der Peripherie der EU stets im Schatten von Wachstumsstars wie Polen oder Tschechien.

Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen (in aktuellen US-Dollar kaufkraftbereinigt). Rumänien im Vergleich zu Polen. Von ca. 5000 US-Dollar in 1992 aus etwa 40.000 US-Dollar 2022

Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen (in aktuellen US-Dollar kaufkraftbereinigt). Rumänien im Vergleich zu Polen. Von ca. 5000 US-Dollar in 1992 aus etwa 40.000 US-Dollar 2022


Positive Aussichten dank EU-Integration

Auch wenn die Europäische Kommission die Wachstumsaussichten des Landes für 2024 um 0,4 Prozentpunkte nach unten revidieren musste, so entwickelte sich das Land zum großen Wachstumsmotor Europas mit voraussichtlich 2,9 Prozent Wachstum in 2024 und 3,2 in 2025 – noch vor dem anderen ex-kommunistischen Riesen Polen. Angesichts der 20 Millionen Einwohner Rumäniens ein großes Potenzial in absoluten Zahlen. Zugleich sollen sich die kaufkraftbelastenden Inflationsraten nach unten bewegen (von 5,8 Prozent in 2024 auf 3,6 in 2025).

Wachstumsraten Rumänien im Vergleich mit anderen osteuropäischen Ländern und dem EU-Durchschnitt. Erst 2025 wird das Land von Polen mit 3,2 Prozent Wachstsum eingeholt.

Wachstumsraten Rumänien im Vergleich mit anderen osteuropäischen Ländern und dem EU-Durchschnitt. Erst 2025 wird das Land von Polen mit 3,2 Prozent Wachstsum eingeholt. (Quelle: Europäische Kommission, 2024)


Dabei profitiert das Land zugleich aus hohen Zahlungen von bis zu 14,3 Milliarden Euro an Zuschüssen und weiteren 15 Milliarden günstigen Darlehen aus dem Aufbau und Resilienzplan der Europäischen Union. Diese treiben insbesondere den Bau der noch unterentwickelten Infrastruktur von Straßen und Gebäuden voran. Hinzu kommt nun auch noch ein REPowerEU-Paket, welches die Länder bei ihrer Befreiung aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas unterstützen soll und dabei gleichzeitig erneuerbare Energien fördert. Rumänien erhält daraus zusätzliche 1,4 Milliarden Euro. Doch Europas Interessen sind dabei nicht ausschließlich wirtschaftlich getrieben.

Boomzeiten am Schwarzen Meer dank Krieg

Man möchte Rumänien stabilisieren und tiefer in die europäischen Institutionen integrieren. Ausgerechnet der Krieg in der Ukraine bringt das Land am Schwarzen Meer ins Zentrum des Geschehens. Einerseits wird Rumänien aufgrund der internationalen Unterstützung der Ukraine plötzlich zum Schauplatz zahlreicher Aktivitäten von EU und NATO.

Darüber hinaus stellt man der Ukraine über einen Korridor seine Hafeninfrastruktur zur Verfügung, von wo aus das kriegsgebeutelte Land Getreide in die Welt verschiffen kann. Vier Millionen Tonnen sollen es pro Monat über eine im Bau befindliche ukrainisch-moldauisch-rumänische Bahnlinie werden und die Integration der Region vertiefen. Dies obwohl beide Länder keine leichte Nachbarschaft verbindet. Immerhin leben 150.000 Rumänen und 250.000 rumänisch sprachige Moldauer in der ukrainischen Bukowina, deren Minderheitenrechte immer wieder zu Streit führen. Zudem erlebt Rumänien aus beiden Ländern einen stetigen Zuzug, die man in Bukarest dem eigenen Land zugehörig ansieht und fleißig Reisepässe verteilt.

Rumänien grenzt an Moldawien, Ukraine, Servien. Die Donau an der gemeinsamen Grenze mit der Ukraine ins Schwarze Meer fließt.

Rumänien grenzt an Moldawien, Ukraine, Servien. Die Donau an der gemeinsamen Grenze mit der Ukraine ins Schwarze Meer fließt.


Andererseits wird Rumäniens Randlage am Schwarzen Meer plötzlich zu einem Vorteil. Zahlreiche Firmen aus den Anrainerländern des Binnengewässers – vornehmlich aus Russland und der Ukraine – verlagern ihre Produktion. Liegt es in der Ukraine am offensichtlichen Kriegszustand und der Ungewissheit über dessen nahe Zukunft, so wird auch in Russlands Kriegswirtschaft, politischer Willkür und andauernden Sanktionen mehr und mehr die Sicherheit der eigenen Investitionen in Frage gestellt. Rumänien ist dabei attraktiv, weil es immer noch vergleichsweise günstige Löhne bietet, innerhalb des europäischen Binnenmarktes liegt und damit auch dessen Rechtsrahmens, und seine Währung, den Leu, trotz aller Krisen der letzten Jahre stabil halten konnte.

Beispielsweise verkaufte der finnische Reifenhersteller Nokian Tyres sein Werk in Russland, um sich im rumänischen Oradea für 650 Millionen Euro anzusiedeln. Der Standort vermochte sich aufgrund seiner günstigen, gut ausgebildeten Arbeitskräfte, logistischer Vorteile unter anderem in Form einer Eisenbahnanbindung und erneuerbarer Energien gegen mehr als vierzig andere durchzusetzen. Originär russische Firmen, die beispielsweise mittels Softwarelösungen den deutschsprachigen Markt bedienen, versuchten ihre männlichen Mitarbeiter während der Teilmobilisierung zu schützen indem sie ihre Büros verlegten – und kehrten nie mehr zurück. Rumänien am Schwarzen Meer ist auch für sie eine Option, näher an europäische Märkte heranzurücken, ohne die postsowjetischen aus den Augen zu verlieren.

Politische Stabilität und Liberalisierungen stocken

Während andere osteuropäische Länder wie Ungarn oder Polen damit hadern, dass die EU die Auszahlung von Förderungen und Subventionen aufgrund unzureichender Antikorruptionsmechanismen und rechtsstaatlicher Probleme eingefroren hat, attestiert die Kommission Rumänien ausreichende Fortschritte bei der Bekämpfung von Korruption. Daher hob man nach mehreren Justizreformen nun auch einen seit 2007 laufenden Überwachungsmechanismus auf. Ein EU-Vertreter sagte Reuters, das Land könnte sich bei akkurater Umsetzung seines nationalen Resilienzplans sogar zu einem Beispiel guter Regierungsführung am notorisch korrupten Balkan entwickeln.

Dennoch, strukturell hat das Land den Schwung durch wirtschaftsfreundliche Reformen im Zuge des EU-Beitrittes langsam verloren, so die Weltbank. Dies liege vor allem an Lücken der öffentlichen Verwaltung und der Qualität der Institutionen, in denen eine der rigidesten kommunistischen Diktaturen noch nachwirkt. Auch litt die Wirtschaft des Landes unter dem konstanten Wegzug gut ausgebildeter junger Menschen, während die zurückgebliebene Bevölkerung stark überalterte.

Armut, Ungleichheit und der Niedergang aus der kommunistischen Ära sind immer noch ein Teil Rumäniens

Oben links (2017): Ein Hirte bedient einen Ziehbrunnen in der Region um Botoșani an der Grenze zu Moldawien. Zahlreiche ländliche Dörfer Rumäniens sind immer noch nicht an die fundamentalste Infrastruktur angeschlossen. Oben rechts: eine alte Frau vegetiert auf den Straßen der Hauptstadt Bukarests. Unten: zerfallende Bahnsteige und rostende Züge aus vergangenen Zeiten in Sibiu 2010. (Quelle: eigene, 2010, 2017)


Trotz der Aufholjagd der letzten Jahre klafft weiterhin eine große Lücke sowohl zwischen Rumänien und dem Rest der EU. 45 Prozent der Bevölkerung leben in ländlichen Gegenden, wo die Armutsraten rund sechs Mal so hoch liegen wie in Städten. Manche Kommunen sind noch nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen. Dort haben die Menschen kaum Zugang zu guten Jobs und die Möglichkeiten fehlen, an der positiven Entwicklung des Landes teilzuhaben. Stattdessen lebt man dort von Subsistenzlandwirtschaft oder gar nicht. Informelle Arbeitskräfte erwirtschaften immerhin rund 21 Prozent des BIPS und tragen einerseits nichts zum Steueraufkommen bei, sind andererseits jedoch auch nicht durch soziale Sicherungssysteme geschützt – was sich als besonders fatal während der vergangenen COVID- und Energiekrisen erwies.

Der Zugang zu Finanzen ist vor allem auf größere Städte beschränkt, viele der ärmeren Hälfte der Bevölkerung haben nicht einmal ein eigenes Bankkonto. All dies trifft noch verstärkt auf deprivierte Bevölkerungsgruppen, wie Roma und Sinti zu, deren Zahl in der Bevölkerung zwischen 3 und 10 Prozent liegt – genau weiß man es nicht, da sich viele aus Angst vor Diskriminierung dazu nicht bekennen. Und die Ungleichheiten weiten sich sogar noch aus – es scheint ein urbanes, dynamisches, in die europäischen Märkte integriertes Rumänien zu geben und ein ländliches, armes und isoliert gebliebenes Rumänien, in dem die Vorzüge der Liberalisierung und der Marktwirtschaft nicht Einzug gehalten haben.

Grüner und digitaler Neustart

Das Land hat daher noch viele Hausaufgaben vor sich. Rumänien hatte es seit 1989 nicht geschafft, sich aus der extrem zentralisierten Energieproduktion aus Zeiten der Ein-Parteienherrschaft der neostalinistischen Kommunisten unter Ceaușescu zu lösen. Strom- und Energieproduktion stammen dabei zu großen Teilen aus Kraftwerken, die durch – vor allem aus Russland importierter – Kohle angetrieben werden. Die steigende Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energien könnten es Rumänien ermöglichen, seine Industrie als Ganzes produktiver zu machen, so die Weltbank. Doch noch fehlt es an Netzausbau und Speichertechnologien und die Betreiber leiden unter konstanten finanziellen Engpässen, um zu investieren. Ähnliches trifft auch auf die Transportinfrastruktur des mit 238.298 Quadratkilometern achtgrößten EU-Landes zu. Von  Autobahnen über Bussen und anderer öffentlicher Verkehr und Flughäfen liegt man in Rumänien sowohl in den ländlichen als auch städtischen Gegenden unterhalb des EU-Durchschnittes. Selbst die Donau als größte Wasserstraße der Region ist nur unzulänglich erschlossen.

Die Donau trifft bei Sulina auf das Schwarze Meer. Mit im Bild der markante Leuchtturm von Sulina

Die Donau trifft bei Sulina auf das Schwarze Meer. Mit im Bild der markante Leuchtturm von Sulina. Die Donau ist eine der Hauptwasserstraßen Europas und vermag die großen europäischen Märkte an diejenigen des Schwarzen Meeres anbinden. Dennoch werden diese bisher nur unzureichend genutzt. Mit dem Export ukrainischen Getreides gelangen Rumäniens Hafenkapazitäten jedoch nun an ihre Grenzen. (Quelle:  Sorin Toma/Shutterstock)


Den Privatsektor mobilisieren

Bei allen Unzulänglichkeiten der öffentlichen Infrastruktur sieht die Weltbank vor allem den privaten Sektor als Wachstumsmotor für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Nachdem sich das Land und dessen Bevölkerung durchaus als resilient gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Schocks von Pandemie, Energiekrise und Krieg in der angrenzenden Ukraine erwiesen hat, wachsen die Reallöhne der Rumänen gerade wieder kräftig – was sich auch an den rasant steigenden Preisen für Dienstleistungen ablesen lässt.

Doch haben die leid- und krisengeprüften Rumänen einen sehr konservativen Zugang zu sparen und investieren, der eher auf Sicherheit und Werterhalt denn auf Wachstumschancen setzt. Der Bankensektor mit lediglich 52,5 Prozent Bankaktiva als Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist der unterentwickeltste in der gesamten EU – Bulgarien und Polen liegen bei jeweils 95 Prozent. Der limitierte Zugang von Klein- und Mittelunternehmern zu Finanzierung, insbesondere innovativerer neue Technologien, die mit höheren Risiken einhergehen, ist derzeit eine der größten Hürden für das gesamtgesellschaftliche Wachstum Rumäniens.

Die Weltbank empfiehlt daher dem Land seine Kompetenzen in öffentlich-privaten Partnerschaften auszubauen. Bisher nagten die kontinuierlichen Regierungsbrüche einer instabilen Politik an der Investitionssicherheit. Ebenso ist die vorherrschende Bürokratie noch aus den Tagen des Kommunismus hinderlich. Während viele Rumänen ihre Reise längst nach Europa geführt hat, ist ihr Heimatland längst nicht dort angekommen. An der Kreuzung zwischen West- und Osteuropa wird der mittel- und langfristige Erfolg nicht nur von der außenpolitischen Dynamik in der Ukraine abhängen, sondern auch insbesondere von der Entwicklung der Schaffenskraft der eigenen Bevölkerung – vor allem jenen, wo der versprochene Wohlstand Europas noch nicht angekommen ist.

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